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Erinnerungen

Manchmal stoße ich in meinem Manuskripteordner auf längst vergessene Fundstücke. Abgetippte Worte, auf die sich der Staub der Zeit gelegt hat und die, aus welchem Grund auch immer, vergessen wurden. Vielleicht lohnt es sich manchmal, sie wieder hervorzuholen. So wie diesen Text, den ich vor 1 1/2 Jahren geschrieben habe. Er macht Lust auf Frühling und Leben:

“Manchmal denke ich, wir bestehen aus nichts als Erinnerungen. Wir sind wie Gefäße randvoll gefüllt mit Vergangenheit. Jede einzelne Minute hat sich irgendwo festgesetzt, wie Unkraut in den Ritzen unserer Herzen.

Manche von uns bannen ihre Erinnerungen in Tagebücher und Fotoalben. Andere konservieren sie in Andenken wie Urnen in Vitrinen und deckenhohen Regalen. Und wieder andere stoßen erst wieder auf ihre Erinnerungen, wenn sie den Dachboden ihres Lebens betreten, um die schattigen, vergessenen Ecken zu entrümpeln.

Ich habe den Ort gefunden, an dem Idas Erinnerungen leben wie geheimnisvoll leuchtende Glühwürmchen. Es ist ein Haus am Ortsrand. Sie hat sie in den Boden im Garten gesetzt, in hunderte Blumentöpfe, die sich im ganzen Haus verteilen. Sie stehen auf den hellblauen Kacheln in der Küche, summende blaue Vergissmeinnicht, tausend kleine magische Blüten aus Erinnerung. Sie wachsen im Bettkasten aus der alten, löchrigen Matratze. Ein wogendes Meer aus Lavendel. Ein Garten aus Tomaten und rotem Mohn vom gesprungenen Waschbecken bis zur Dusche. Sie haben längst die Fensterrahmen aus Holz eingenommen, die Glasscheiben gesprengt und sich in die Lamellen der blauen Fensterläden geschmiegt. Wilder Wein und dornige Rosenstöcke. Der Garten ist ein Dschungel aus Thymian und Rosmarin. Die Aprikosen liegen zwischen kniehohen Gräsern und erzählen Geschichten. Die Erinnerungen rieseln wie Blütenstaub aus den Bougainvillea, die sich am Schuppen bis zum abgedeckten Dach hinaufziehen. Im Schuppen selbst ist dann kein Durchkommen mehr. Es ist, als hätte sie alles dort gesammelt, was ihr jemals etwas bedeutet hat. Da liegen geöffnete Alben mit schwarz-weiß Fotos, aus denen Löwenzahn wächst. Einmachgläser voller bunter Bonbons, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheinen. Eine alte Kaffeemühle voller Gänseblümchen. Kleider. Schöne, anmutige, fröhliche, irgendwie melancholische Kleider. Ich sehe sie an und rechne jeden Moment damit, dass sie mir erzählen, was geschehen ist. Doch sie schweigen. Dafür klingen die Glockenspiele. So viele Glockenspiele. Sie hat sie in alte Blumenkübel gesteckt, aus denen kleine Orangenbäume und verkrüppelte Olivenstämme wachsen. Sie hat sie an die Decke gehängt, wo sie sich an buntem Garn drehen, so selbstverständlich, als sei die alte Ida noch immer da.

Es gibt auch Schachteln voller Briefe und Notizen, aus denen Ameisen krabbeln. Kochbücher, bedeckt von einer Schicht Moos. Getrocknete Rosenblüten in verschnörkelten Karaffen und Porzellantassen, alter Anisschnaps, Bilder, die mal an einer Wand hingen und einsame Dörfer zwischen Lavendelfeldern zeigen. Heute lehnen sie am Feigenbaum, der seine Blätter durch die Löcher im Schuppendach drückt. Idas Erinnerungen leben. Sie hat sie in der fruchtbaren Erde konserviert und ihnen ein neues Zuhause gegeben. Außerhalb ihres Kopfes, außerhalb ihres Herzens. Jetzt sind sie da und Ida fort.

Ich weiß nicht, ob ich Idas Erinnerungen wirklich ausgraben will. Denn damit werden sie zu meinen. Sobald ich sie in der Hand halte, ihre Wahrheit inhaliere, ihren Geschmack auf der Zunge wahrnehme, bitter, süß, hoffnungsfroh, einsam, wird Ida Teil meines Lebens.

Ach, eigentlich ist sie das doch schon, oder? Alleine durch die Tatsache, dass ich ihr Haus aus schweigenden Erinnerungen betreten habe. Eigentlich kann ich nun auch ihre Briefe und Notizbücher öffnen, oder? Hat sie sie nicht dort gelassen, damit sie weiterleben?

Jemand sollte ihr die Freude machen. Jemand sollte ihre Erinnerungen gießen. Das Scharnier ihres Dachbodens ölen. Rosenblätter pflücken, trocknen und in verschnörkelte Karaffen füllen. Den Glockenspielen lauschen. Durch den Kräuterdschungel streifen und mit den Aprikosen sprechen.

Denn wir bestehen aus nichts als Erinnerungen. Und in den Erinnerungen leben wir fort.”

(Sarah Nisse)