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Veröffentlicht!

“Amour Fantastique” ist da – und damit hat mein vierter Roman das Licht der Welt erblickt! :-) Ich feiere die Veröffentlichung und damit ihr schon mal in meine neue Geschichte hineinschnuppern könnt, habe ich euch heute den Prolog mitgebracht. Viel Spaß mit meiner Protagonistin Lily Olivier!

Prolog

Es waren immer Geschichten gewesen, die mir das Leben gerettet haben. Eine Tiergeschichte, wenn ich mir das Knie aufgeschlagen hatte, ein Piratenabenteuer bei Bauchschmerzen, eine Geschichte über traurige Feen, als Urgroßmutter Josette gestorben war, Jojo Moyes bei Liebeskummer, Sartre und Camus, wenn ich die Welt vor lauter Terror, Krieg, Kummer und Leid nicht mehr verstand.

Sie waren immer da gewesen und ich hatte mir nie die Frage gestellt, wo sie herkamen, wer sie gefunden hatte, ob sie sich wirklich so ereignet hatten – wenn auch ohne Feenstaub und tanzende Papageien.

Bis zu dem Tag, an dem Frédéric Leblanc in mein Leben trat. Ich sage in mein Leben trat, weil es buchstäblich so war. Ich kannte ihn zuvor nur flüchtig, wir waren dazu verdammt worden zusammen zu arbeiten. In mein Leben trat er erst, als er diese zerfledderte Ausgabe des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry aus der Hosentasche zog. Als ich die Liebe, die Tränen, die kleinen Kinderhände sah, die in diesen Seiten geblättert hatten. Erst da begriff ich, dass Geschichten so viel mehr sein können als Druckerschwärze auf Papier. Sie sind Leben in Sätzen. Wahrhaftigkeit im Mantel eines Buchumschlags.

Der kleine Prinz hatte Frédéric gerettet. Und ich beschloss, dass es an der Zeit war den Geschichten auf den Grund zu gehen. Ich würde sie suchen und finden, egal welchen Kodex, welche heilige Familienregel ich damit brechen würde.

Ich hatte genug von den Lügen und Geheimnissen.

Das eBook gibt es auf allen Plattformen, zum Beispiel bei Amazon, Thalia oder direkt beim Carlsen-Verlag :-)

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Im Land der Liebe

Wart ihr schonmal im Land der Liebe? Rumina nimmt euch in “Dunkelherz – Nacht aus Schatten” mit in das Land der magischen Orchideenwälder! Und besucht einen Friedhof, auf dem eine verstorben geglaubte Liebe liegt, die wieder zum Leben erwacht ist …

Im Land der Liebe schien die Sonne milchig. Sie versteckte sich hinter einem dünnen Wolkenband und ließ die Häuser am Straßenrand rosa- und mintfarben lächeln. Eiligen Schrittes passierte Rumina die Vorgärten, deren Zäune und Tore von Beerenranken befallen waren. Aus den kleinen Patisserien, in deren Schaufenstern Vögel und Schmetterlinge aus weißem Zuckerguss auf pastellfarbenen Cremetörtchen posierten, strömte der Duft von warmer Butter, sobald ein Gefühl den Laden betrat und das Türglöckchen klingelte. Wie leicht Stille sein konnte. So leicht, dass sie von einem hellen Glockenklingen hinfortgetragen wurde. So leicht, dass sie Rumina von der Straße in Richtung Friedhof trug.

Die Friedhofsmauer stand schon seit Jahrhunderten an dieser Stelle, alt und brüchig und voll mit Leben und Tod. Das eiserne Tor knarzte unwillig, als Rumina ihren Körper gegen die Stäbe drückte, doch es gab nach und ließ sie eintreten. Eigentlich hatte sie sich geschworen, nie wieder an diesen Ort zurückzukehren. Eigentlich hatte sie jede Art von Liebe aus ihrem Leben verbannen wollen. Doch jetzt besaß sie Ravens Herz. Und damit so viel bittersüße Liebe, wie sie verlangte. Sie konnte Paläste damit füllen, Karaffen voll mit seinen Liebesschwüren, frische Früchte auf Silbertellern, saftig wie seine Küsse. Sie konnte Kleider weben lassen aus seinen Berührungen auf ihrer Haut, seine verliebten Blicke in Kristallkugeln bannen und sie an die Palastmauern hängen, sodass sie die ganze Nacht hindurch glitzerten. Glitzerten bis zum Tod. Rumina war gekommen, um rückgängig zu machen, was vor vielen Monaten auf diesem Friedhof geschehen war, denn nun war sie nicht mehr bereit, Raven ziehen zu lassen.

Die komplette Dunkelherz-Dilogie bei Amazon oder direkt beim Drachenmond Verlag!

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Der Mann im Mond

Der Mann im Mond hieß Ambrosius und trank gar nicht gerne Brombeertee. Dennoch stapelten sich im kleinen Schränkchen rechts neben dem Wasserkocher die Beutel „Bromis fruchtige Beeren“, und ein süßlicher Duft von frisch gebrühtem Früchtetee erfüllte den kleinen Mondraum und kroch in jede Nische.

Schuld daran war Peter.

Peter war an allem schuld.

Daran, dass der Frost seine Geranien auf dem Balkon in der letzten Nacht hatte welken lassen.

Daran, dass sein Gärtner ihn verlassen hatte. Um bei Frau Sonne den Garten zu pflügen.

Daran, dass Ambrosius immer kleiner und dicker wurde, weil sein Neffe Peter ihm den letzten Nerv raubte.

Peter also. Ambrosius schloss die Augen und stellte sich vor, wie sein Leben ohne Peter gewesen war. Sehr ruhig und gemütlich. Ambrosius hatte tagsüber geschlafen und wenn sich Frau Sonne in den Feierabend verabschiedete, was sie sehr häufig tat, hatte er das Licht im Mond angeknipst und es sich in seinem Ohrensessel mit dem roten Samtbezug gemütlich gemacht. Dann hatte er die Sterne beobachtet und an klaren Tagen auch die Erde, die sich so tief unter seinem Fenster drehte und drehte. Oftmals fragte Ambrosius sich, ob den Menschen nicht ganz übel wurde vom vielen Drehen, aber meistens war ihm das egal. Denn Ambrosius kümmerten die Menschen nicht. Alles was zählte, war sein Zuhause, dieser dicke, runde Mond – und seine Aufgabe, die er Nacht und Nacht gewissenhaft erledigte.

Er war der Mann am Lichtschalter.

Er musste den Mond erleuchten.

Für die Romantik auf Erden.

In manchen Nächten, wenn er sich etwas einsam fühlte, dachte Ambrosius doch über die Menschen nach. Er fragte sich, wie diejenigen aussahen, die seinen Mond besonders schätzten. Waren es gefährliche Werwölfe, die nachts aus dunklen Tannenwäldern heulten? Oder Verliebte, die wie berauscht durch die kalten, nassen Straßen voller Schneeflocken taumelten? Waren es die einsamen, verlorenen Seelen am Bahnsteig oder die Heimgekehrten unter ihren warmen Daunendecken, die noch einmal aus dem Fenster spähten, bevor sie in die Träume glitten?

Ambrosius kratzte sich am Kopf und beschloss, dass er für heute genug gegrübelt hatte. Es war an der Zeit, zu handeln. Dass er seinen Neffen Peter adoptiert und bei sich aufgenommen hatte, war schön und gut, aber es bedeutete nicht, dass er sich alles von ihm gefallen lassen musste.

Peter hatte Ambrosius eine Diät verordnet, weil dieser in den letzten Monaten doch sehr dick und rundlich geworden war. Bombeertee, so Peter, sei ein wahres Heilmittel gegen Bauchspeck und Doppelkinn. Wie sich dieser Junge mit seinen lächerlichen zehn Jahren aufspielte! Seitdem durfte Ambrosius nicht mehr an seiner geliebten Schokoladentafel mit den ganzen Nüssen knabbern, oh nein, Peter hatte sogar alle hundert Tafeln, die Ambrosius im Küchenschrank gehortet hatte, aus dem Mondfenster geworfen – einfach so ins Weltall hinein. Im Schrank stapelten sich von da an, wie sollte es anders sein, Packungen voller Brombeertee.

Nun war der Mann im Mond also Dienstleister, Erziehungsberechtigter, Gärtner und Brombeerteetrinker in einem. Das konnte so nicht weitergehen!

Voller Tatendrang sprang Ambrosius auf seine kurzen Beine, trippelte zum Küchenschrank, zog einen Stuhl heran, kletterte hinauf und streckte seinen dicken Bauch so weit er konnte in die Höhe. Er bekam einige Packungen Tee zu fassen und fixierte sie unter seinen Achseln. Dann kletterte er hinunter und legte alles auf der Fensterbank ab.

Tief unter seinem Fenster schimmerte die Erde, ganz überzogen von milchigen Wolken. Kein Mensch würde seine Tat in dieser Nacht beobachten können. Hervorragend, dachte Ambrosius, kratzte sich erneut am Kopf, aus dem bloß noch drei Haare wuchsen, und öffnete das Fenster. Die eisige Luft trug das Knarzen der Schaukel herein, auf der Peter die liebe lange Nacht hin- und herschwang. Sie war an der Unterseite des Mondes angebracht und bot einen herrlichen Blick über das Weltall, doch Ambrosius mochte solche Kindereien nicht. Es war die Idee seines Gärtners gewesen, die Schaukel für Peter anzubringen. Damit er sich ein wenig heimisch fühlte.

„Pah“, machte Ambrosius und spuckte dabei ein paar Tropfen in die Luft. Dieser Junge fühlte sich ein wenig zu heimisch in seinem Mond. Das war das Problem.

Ambrosius packte die Teepackungen, streckte die Arme hoch über seinen Kopf, schnaufte vor Anstrengung und beugte sich so weit wie möglich aus dem Fenster. Dann, sein Bauch lag bereits schwer auf dem Fensterrahmen, öffnete er die Hände und viele Packungen Brombeertee kullerten hinein ins Weltall. Und hinaus aus seinem Leben. Welch genüssliches Vergnügen.

Doch plötzlich spürte Ambrosius, wie sich sein Gewicht verlagerte. Sein schweres Doppelkinn zog ihn immer weiter nach unten, wie eine Wippe beugte sich sein Oberkörper hinab. Die kurzen Beine hingen fast schon senkrecht in seiner Wohnung und Stück für Stück rutschte sein Bauch aus dem Fensterrahmen.

Ambrosius dachte in diesem Moment an Schokoladentafeln.

Er dachte an welke Geranien und an Nüsse.

An kleine, freche Neffen und daran, wer denn bloß in Zukunft seinen Mond erleuchten sollte.

Dann fiel Ambrosius aus dem Fenster und folgte all den Brombeerteepackungen hinein ins Weltall.

Er fiel und fiel und fiel und glaubte schon gar nicht mehr daran, dass er irgendwann aufschlagen würde.

Die Erde jedoch tat ihm den Gefallen. Er landete auf einer federnden Restaurantmarkise wie auf einem Sprungbrett. Dann wurde er unsanft auf die Straße katapultiert. Sein Blick ging nach oben in Richtung Himmel. Dort klebte er, der Mond.

Peter also, dachte Ambrosius. Der würde garantiert niemals sein Lieblingsneffe werden. Wie zum heiligen Brombeertee sollte er jetzt wieder nach Hause finden?

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Der Lutscher

Cedric Bell war dem Mut mehrmals begegnet. Und zwar als Angsthase. So zumindest nannte ihn Max Schleicher, der Junge aus der Wieselstraße.

Max Schleicher war kein besonders großer Junge. Es war somit nicht seine Größe, die die Kinder des Viertels einschüchterte. Es waren seine Fäuste. Max hatte die härtesten Fäuste auf Erden und er scheute sich nicht davor, sie einzusetzen. Präzise, wie er immer sagte. Präzise müsse er sein, der Schlag. Sein bevorzugtes Opfer war der Nasenrücken. Er liebte es, auf ihn einzuschlagen bis der Knochen krachte, als würde er zerbersten. Cedric hatte oft zu seinen Füßen gesessen und staunend seinen Ausführungen gelauscht, bis zu dem Tag… ja, bis zu dem Tag, als es seine eigene Nase war, die brach.

Der Tag hatte gut begonnen. Alice Bell hatte ihren beiden Kindern Julia und Cedric von dem wenigen Geld, das sie besaß, einen großen roten Lutscher gekauft. Einen, der schon beim Hinsehen die Zähne verklebte. Stolz hatten die beiden Kinder ihren Lutscher am Stiel in die Höhe gereckt und bewundert, wie sich die Sonnenstrahlen in seinem Lutschkörper brachen. Cedric hatte ihn in Windeseile verputzt, Julia hingegen war schon immer die Genießerin gewesen. Sie hatte vor der Haustür der Bells gehockt, in ihrem Karorock und dem weißen Wolljäckchen, die rosafarbenen Socken fast bis zu den Knien hochgezogen. Sie hatte ihn bestaunt, diesen Lutscher, dieses Wunder, das aus den Händen ihrer Mutter in ihren Besitz gelangt war. Bis Max Schleicher vor ihrer Haustür auftauchte.

Heh, Knirps, was hast du da?“

Leider war Julia noch zu jung, um zu begreifen, dass Max Schleicher kein Freund kleiner Mädchen war, die einen großen roten Lutscher ihr Eigen nannten. Max Schleicher musste alles besitzen. Cedric hatte schon damals vermutet, dass ihn Kinder mit Lutschern krank machten. Dass er den Glanz in ihren glücklichen Kinderaugen nicht ertrug. Wie recht er damals schon gehabt hatte. Max Schleicher türmte sich vor Julia auf, so gut es eben ging, denn wie bereits erwähnt, war er ja nicht besonders groß. Es war auch völlig gleichgültig, denn alleine der Blick aus seinen Senfaugen genügte, um Julia zu ängstigen. Cedric beobachtete vom Küchenfenster aus, wie sie sich auf der Treppe zusammenkauerte. Und wie Max seine gierige Hand nach dem Lutscher ausstreckte.

Gib mir den Lutscher, Knirps, oder du kannst was erleben!“

Cedric wusste bis heute nicht genau, ob er Julias Reaktion besonders mutig oder einfach nur blöd finden sollte. Sie schüttelte den Kopf und versteckte den Lutscher hinter ihrem Rücken. Max Schleicher lief purpurrot an. Und es war ein besonders schlechtes Zeichen, wenn er purpurrot anlief und nicht mohnrot. Mohnrot war weniger wütend. Weniger nasenrückenbrechend.

Cedric wusste nicht mehr genau, was ihn bewog, aus der Küche zu laufen, die Haustür aufzureißen, über seine kleine Schwester und den elendigen Lutscher zu springen und Max Schleicher, der wie gesagt nicht besonders groß war, wie ein wild gewordener Stier den Kopf in den Bauch zu rammen, sodass dieser prustend in einer dreckigen Pfütze auf der Wieselstraße landete. Es wäre ein Leichtes für ihn zu behaupten, er hätte es aus Liebe zu seiner Schwester getan. Er hätte die brüderliche Pflicht verspürt, die kleine Julia vor dem bösen Max zu schützen. In Wahrheit aber hatte Cedric Max einmal so richtig am Boden sehen wollen. So traurig es klingt, es waren bösartige Motive, die Cedric Bell zu seiner Heldentat trieben. Es wäre auch ein Leichtes gewesen, zu behaupten, er hätte sich dabei besonders mutig gefühlt. Wenn Cedric an seine Begegnung mit Max Schleicher in der Wieselstraße zurückdachte, erinnerte er sich vor allem an sein pochendes Herz und an den einen Gedanken, der ihm immer wieder durch den Kopf schoss, während er seinen Kopf in Max’ Bauch rammte: „Der bringt dich um, Cedric. Was tust du da bloß? Der bringt dich um!“

Und das tat er dann auch. Fast. Aber erst nachdem er eine gehörige Portion Schlamm abbekommen hatte. Er richtete sich auf wie ein gereiztes Tier und ging auf Cedric zu, Schritt für Schritt. Seine Augen waren jetzt dunkler Zwiebelsenf. Cedric blieb stehen und ließ es geschehen. Max’ Faust krachte auf seinen Nasenrücken, er zerbarst wie erwartet. Alice Bell kam schreiend aus dem Haus gelaufen, Cedrics Platzwunde musste genäht werden und Max Schleicher wurde sein Leben lang damit aufgezogen, dass ihm ein großer roter Lutscher durch die Lappen gegangen war.

Cedric mochte an dieser Geschichte besonders gerne, dass er stehen geblieben war, dass er nicht fortgerannt war, dass er sich von Max Schleicher die Nase hatte brechen lassen. In der Rückschau mag dies seltsam klingen, doch für Cedric Bell war es das mutigste, was er je getan hatte. Mut musste somit etwas ziemlich Primitives sein.

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Im Regen

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen.

Es geschah im Regen, weil alle traurigen Geschichten im Regen beginnen. Sie stand so einsam und verlassen da wie ein verlorengegangener Gegenstand, der achtlos von den Menschen passiert wird, denen er nichts bedeutet. Ihr Blick suchte Halt, am Inhalt der beleuchteten Schaufenster, an der Straßenlaterne, an einem der Autos, die am Bordstein parkten. Manchmal wand sie sich, torkelte ein wenig zur Seite, weil es ihr unangenehm war, allen im Weg zu stehen. Sie war noch nicht sehr alt, konnte nicht sehr alt sein, denn sie trug eine bunte Regenjacke und Gummistiefel, wie Kinder es tun, nur dass ihre nicht besonders neu oder hübsch aussahen. Eher so, als habe sie jemand aus der Altkleidersammlung gefischt und dem Mädchen übergestülpt. Als sei sie selbst aus einer Sammlung unbrauchbarer, ungeliebter Dinge gefallen und direkt auf diese nasse Straße gepurzelt. Sie sprach kein Wort. Es war ihr nicht anzusehen, ob sie auf jemanden wartete oder bloß die Zeit totschlug. Ob sie sich verirrt hatte, gerne vorbeieilende Menschen beobachtete oder dem Regen beim Fallen zusehen wollte.

Fallen.

Alles fiel in diesem Moment. Die Regentropfen, die auf dem harten Asphalt aufschlugen wie Perlen, die zerbarsten. Worte. Undeutliche, gemurmelte Worte zwischen denen, die an jenem Abend nicht alleine im Regen unterwegs waren. „Hier, halt mal den Regenschirm“, „Wo steht das Auto?“, „Hast du die Heizung zu Hause aufgedreht?, „Mama, gibt es heute Abend Spaghetti?“

Pläne, die ins Wasser fielen, die Tüte, die das Mädchen bei sich getragen hatte und die neben ihren Gummistiefeln zu Boden ging. Sie hob sie nichtmal auf.

Was sie darin wohl bei sich trug? Ein Paar neue Stiefel? Ihr Abendessen? Ein Buch, das sie irgendwo gekauft hatte, oder ein Plüschtier? Einkäufe, die sie für ihre Mutter zu erledigen hatte? Ein neues Päckchen Buntstifte für die Schultasche? Grünzeug für ihr Kaninchen?

Regentropfen? Gesammelte Regentropfen, die in dem weichen Plastik der Tüte einen Teich bildeten? Ein Meer aus Tränen?

Ich suchte ihren Blick, doch sie wich mir aus. Dann trat ich neben sie und griff nach der Tüte. Sie war leicht wie ein Luftballon.

„Was hast du denn da?“, fragte ich, doch das Mädchen sah mich bloß mit großen Augen an. Sie wirkte ängstlich. Vielleicht verstand sie mich gar nicht?

Ich griff in die Tüte und zog ein Foto heraus. Es war bereits ganz weich vom Regen und die Ränder waren geknickt, doch es war eindeutig eine Frau darauf zu erkennen.

„Wer ist das?“, fragte ich, doch das Mädchen reagierte nicht. Sie sah aus, als wolle sie davonlaufen. In Lauerstellung, bereit die Flucht vor mir zu ergreifen.

„Mama?“, fragte ich ein letztes Mal und hielt ihr das Bild entgegen.

Sie schüttelte den Kopf.

„Nicht mehr“, sagte sie kaum hörbar, in gebrochenem Deutsch. „Mama im Himmel. Mama weint.“

Sie deutete nach oben. Der Regen fiel unaufhörlich weiter.

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Die Königin des Winters

Kälte.

„Ich will die Königin des Winters sein“, wisperte Blue und es war, als seien ihre blauen Augen bereits zu Eiskristallen gefroren. Sie stand vor mir, ihr weißes Nachthemd verschmolz mit dem meterhohen weißen Schnee, der sich hier zwischen den Eichen ausbreitete wie aufgeschlagene Federbetten. Ich sah ihre Gänsehaut. Ich konnte genau sehen, wie sich alle Härchen ihres Körpers aufgestellt hatten, so nah stand ich bei ihr, in diesem Winterwald, an diesem viel zu frühen Morgen.

Wir hatten Zimtsterne gebacken am Abend zuvor. Wir hatten so viele gebacken, dass das ganze Haus beim Aufwachen nach verbrannten Krumen und zuckergeschwängerten Gewürzen geduftet hatte. Ich stellte mir vor, wie sie jetzt in ihren Metalldosen mit den Schneemotiven lagen, auf der großen Fensterbank, die das Sprossenfenster in der Küche zierte. Wie sie hinausschauen konnten auf diese weiße, leise Welt, wie sie die Schneeflocken fallen sahen. Sie verfingen sich in Blues Haarpracht. Weißer Puderzucker auf Blaubeerhaar.

„Mir ist kalt“, wisperte ich. Ich traute mich nicht, die Stimme zu heben, so lange Blue es nicht getan hatte. Sie hätte in diesem Wald viel zu laut und störend gewirkt. „Was machen wir hier?“

„Ich sagte es doch schon.“ Die Stimme meiner Schwester war nicht mehr als ein Eishauch in dieser furchtbar weißen Welt. Als versuchte sie bereits, das Fallen des Schnees zu imitieren, als wünschte sie sich, zu Glas zu werden, zu gefrorenem Wasser, weiß und leicht und löslich.

„Er wird mich heute zu seiner Königin küren. Ich verschmelze mit ihm, ich will ihn so tief in mich aufnehmen, dass ich die Wahrheit spüre, Juli. Die Wahrheit über sein Wesen, über seine Kälte. Ich will sein wie der Winter.“

„Ich will nach Hause“, sagte ich jetzt etwas lauter. „Mama und Papa machen sich bestimmt schon Sorgen.“ Ich wünschte, ich könnte meine Finger ganz nah an den flammenden Kamin halten, der in unserem Wohnzimmer stets eine wohlige Wärme verbreitete. Ich wünschte, ich könnte meine warmen Finger dann in den Boden eines weichen Zimtsterns graben und mir danach die Finger ablecken – einen nach dem anderen.

„Blue, bitte“, flehte ich, doch meine große Schwester hatte andere Pläne. Sie ließ sich auf die Knie fallen, drückte ihr ganzes Körpergewicht in Richtung Boden, sodass ihre Beine im Schnee verschwanden. Dann ließ sie den Oberkörper fallen, rücklings, sodass sie wie erschossen auf dem Boden lag. Sie bewegte die Gliedmaßen auf uns ab, sodass ihr Nachthemd an den Oberschenkeln spannte. „Schneeengel“, sagte sie, „ich bin jetzt ein echter Schneeengel.“ Die Farbe ihres Pflaumenhaars schmerzte in dieser Welt aus Weiß. Weißer Schnee, weißer Himmel, weißes Hemd, weißes Gesicht, weiße Haut, bedeckt mit weißblonden Härchen. Weiße Augen. Weißer Atem.

„Deck mich zu“, hauchte sie. „Deck mich mit Schnee zu, sodass nur noch mein Gesicht hervorschaut.“

Ich schüttelte den Kopf, doch Blue sah mich wieder mit ihrem Diktatorenblick an. Sie war die Königin, ich war ihre Dienerin, so war das bei uns aufgeteilt. Manchmal durfte ich auch ihre Freundin sein. Heute nicht. Es störte mich eigentlich nicht, denn ich liebte es, am Leben meiner großen Schwester teilhaben zu dürfen. Doch heute machte sie mir Angst.

Ich griff mit bloßen Händen nach dem Schnee, bereits nach kurzer Zeit waren meine Fingerkuppen rot angelaufen und beinahe taub. Wie hielt Blue das aus? Ihre Beine hatte ich mittlerweile erfolgreich mit Schnee bedeckt, nun war ihr Bauch an der Reihe. Als ich das weiße Pulver wie Eisblöcke auf ihrem mittlerweile fast durchsichtigen Nachthemd ablegte, zuckte sie kurz vor Schmerz zusammen, biss sich dann aber auf die Lippe und hielt die Prozedur aus, ohne einen weiteren Laut von sich zu geben.

„Und jetzt?“, fragte ich unsicher, als sie aussah wie eine mumifizierte Leiche.

„Jetzt geh“, hauchte sie, „setz dich irgendwo neben einen Baum und halte nach Rehen Ausschau. Ich will alleine sein.“

„Aber …“

Sie zog die blauen Augenbrauen zusammen, sodass sie ein spitzes, bedrohliches Dreieck bildeten. Ich hatte verstanden. Ich entfernte mich. Mir war so kalt. Der Wald war so einsam, kein Reh weit und breit. Nicht einmal ein Vogel, der keifte, irgendwo vergeblich nach einem Krumen Futter suchte. Der Schnee machte alles so still, dass ich fast angefangen hätte zu weinen. Doch ich wollte mir vor Blue nicht die Blöße geben. Sonst würde sie wieder sagen, ich sei immer noch ein Kleinkind, und das war ich nicht. Ich war groß. Ich hielt es aus.

Als ich bis Hundert gezählt hatte, war mein Wille gebrochen. Ich musste aufs Klo und außerdem fragte ich mich, was so toll daran sein sollte, stundenlang im Schnee zu liegen. Ich folgte meinen eigenen Fußspuren zurück zu Blues Grabstätte und rief ihren Namen. Sie antwortete nicht. Das war nicht ungewöhnlich. Doch als ich den unförmigen, weißen Hügel erreichte und mich über ihren Kopf beugte, sah ich, dass sie schlief. Zumindest hatte sie die Augen geschlossen. Ihre Lippen waren mittlerweile ganz blau angelaufen, als hätten sie sich ihrer Haarfarbe anpassen wollen. Ihr Gesicht war blasser als jemals zuvor.

Sie war zum Winter geworden. Ganz eindeutig.

Er hatte sie zu seiner Königin gekürt.

Ganz so, wie sie es gesagt hatte.